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Beiträge aus dem Was-mit-Medien-Alltag

Nachlese Typo 2013: Was Kinder wollen

Vergleich von zwei Vorträgen zum Thema „Gestaltung für Kinder“ auf der Typo Berlin 2013

  • Vortrag 1: Daniel Trattler:„Pädagogische Computerspiele für Kinder“
  • Vortrag 2: Daniel Mizieliński: „Using design and all means necessary to teach kids and educate parents“, frei übersetzt: „Durch Gestaltung (und alles, was geht :) Kinder unterrichten und Eltern erziehen“ (Die Übersetzung im Typo-Programmheft lautete: „Kinder und Eltern unterrichten mit Design und anderen Medien“. Das ist zweideutig und gefällt mir deshalb nicht.)

Am ersten Typotag sprach Daniel Trattler in der Show über Computerspiele und die Krux, dass die lieben Kleinen immer sofort spüren, wenn ein Lernziel oder eine bestimmte Erziehungsabsicht hinter einem Spiel stecken. Dann verlören die Kinder die Lust an diesem Spiel. Ich frage mich, ob das nicht eine Ausrede der Erwachsenen ist. Schließlich lernt man mit Minecraft und mit Lego auch eine ganze Menge, und das wissen die Kinder auch… Anyway.

Ohne eine Erklärung, wie sich diese Erkenntnis denn auf die entsprechenden Projekte seiner Agentur eobiont in Berlin ausgewirkt hat, folgte eine Portfolio-Schau. Plötzlich wurden die üblichen knallbunten Figürchen gezeigt, zum Beispiel die „Ampelinis“ (ja, mit „s“!), ein Projekt aus dem Jahr 2010, zu dem es mittlerweile auch die Ampelinis-Website und die Ampelinis-App gibt.

In dem Video zum Projekt „Ein Neujahrswunsch“ sagt ein Mädchen in rosafarbener Bluse und Blumenrock, das vor einem hellblauen… Pappwald steht: „Wichtig ist es, sich einen richtig tollen Wunsch auszudenken, damit die Leute für Dich abstimmen und Du gewinnst.“

In Erinnerung, aber leider nicht auf der eobiont-Website zu finden, ist mir auch ein Projekt für Jugendliche geblieben. Wieder wurde mit diesen Figürchen gearbeitet, die man von T-Shirts und so kennt, total überzeichnete Klischees: ein brünettes und ein rothaariges Mädchen mit Wespentaille, beide natürlich mit langen Haaren, die Jungs vermeintlich extrem „cool“ angezogen – allesamt sehr uniform.

Daniel Trattler zufolge wollen Kinder und Jugendliche so ’was haben. Lieber Herr Trattler, das glaube ich nicht. Ich glaube vielmehr, dass sich Erwachsene gern einreden, dass Kinder so 'was wollen. Und warum? Weil es alles leichter macht. Egal, was man verkaufen will, man muss es nur kindgerecht dekorieren und umformulieren. Ist doch praktisch!

So einfach ist es aber zum Glück nicht. Kinder wollen genauso wichtig genommen werden wie Erwachsene. Sie können meiner Erfahrung nach Dekoration sehr gut von Inhalten trennen – vielleicht nicht wissentlich, aber intuitiv.

Ich konnte in dem Moment wirklich nicht glauben, dass ich in einem Vortrag sitze, der „Pädagogische Computerspiele für Kinder“ heißt. Was sollen die Kinder denn daraus lernen? Passt Euch an! Nur die, die cool aussehen, sind auch cool. In der Ampel wohnen kleine Figürchen… Wünsch Dir was, was alle wollen, dann bekommst Du Deinen Wunsch erfüllt – OMG.

Am letzten Typotag sprach dann Daniel Mizieliński auf der Stage. Er ist einer der beiden Inhaber von hipopotam studio in Warschau und stellte verschiedene Buchprojekte für Kinder und Erwachsene (!) vor. Unter anderem das Buch „H.O.U.S.E.“ von Gecko Press, was wir vor anderthalb Jahren zu Weihnachten geschenkt bekamen. Nebenbei bemerkt: Wir machten damals das Päckchen auf und überlegten, für wen das Geschenk denn sei (eine Karte lag nicht dabei) – der beste Beweis dafür, dass die hipopotam-Bücher wirklich für Kinder und Erwachsene gemacht sind.

Das Buch „H.O.U.S.E.“ von Aleksandra Machowiak und Daniel Mizieliński, erschienen bei Gecko Press, stellt besondere Wohnhäuser weltweit vor. Zu jedem Haus gibt es Zeichnungen, eine einen Text und weitere Infos – immer genau darauf abgestimmt, was denn so besonders an dem Haus ist
Das Buch „H.O.U.S.E.“ von Aleksandra Machowiak und Daniel Mizieliński, erschienen bei Gecko Press, stellt besondere Wohnhäuser weltweit vor. Zu jedem Haus gibt es Zeichnungen, eine einen Text und weitere Infos – immer genau darauf abgestimmt, was denn so besonders an dem Haus ist

Daniel Mizielińskis Credo lautet: „Kinder sind Erwachsene mit weniger Wissen aber mit mehr Offenheit.“

Anstatt davon auszugehen, dass man Kindern einfach alles „verkaufen“ kann, wenn es nur bunt genug ist, meinte Daniel Mizieliński, das Wichtigste sei doch der Inhalt, also das, was man vermitteln möchte. Und interessante Inhalte gebe es schon genug in der Welt, man brauche keine neuen Inhalte zu erfinden. Stattdessen solle man sich lieber überlegen, was für beide – Kinder und Erwachsene – interessant sein könnte. Denn kaufen würden die Bücher in den meisten Fällen ja die Erwachsenen.

Viele Erwachsene, die Bücher für Kinder kaufen, würden aber denken, Bücher für Kinder müssten bunt und „quietschig süß“ sein, sonst gefielen sie den Kindern nicht. Sie denken, Bücher für Mädchen müssten rosa sein und mindestens ein Pferd oder ein Einhorn auf dem Umschlag haben. Bücher für Jungs seien blau und ihre Helden seien Kämpfer.

Diesen potentiellen Bücherkäufern werden die hipopotam-studio-Bücher nicht gefallen. Bunt sind diese Bücher auch. Sie sind aber frei von Stereotypen und dafür voll mit interessanten Informationen und kleinen Dingen, die nach und nach entdeckt werden können.

Durch zahlreiche Beispiele aus seinem Portfolio konnte Daniel Mizieliński seine ebenso zahlreichen echten Statements belegen. Endlich mal wieder einer mit einer eigenen Meinung, der diese auch mitteilt und aufzeigt, dass sie auf fundiertem Wissen und auf Erfahrungen beruht.

Lieber Daniel Mizieliński, der Vortrag war viel zu kurz! Als wir aus Berlin nach Hause kamen, wurde erstmal im H.O.U.S.E.-Buch gestöbert – natürlich MIT Kind.

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