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Beiträge aus dem Was-mit-Medien-Alltag

The Guardian – jetzt nicht mehr Beta

Nach fast einem Jahr der Beta-Phase ist die neue Websites der britischen Zeitung „The Guardian“ am 28. Januar 2015 offiziell zur einzigen Website geworden

Im letzten Jahr bin ich mehrfach auf dieses Projekt gestoßen worden – nicht zuletzt durch Oliver Reichensteins Vortrag bei der beyondtellerrand in Berlin.

Aus Entwicklersicht birgt dieses Projekt viele spannende Aspekte, schon wegen der Bekanntheit der Site, wegen ihres Umfangs, weil der Relaunch mit einem internen Team durchgezogen wurde usw.

Interessant auch, dass sie einen anderen Ansatz zum Aufbau von Websites wählt. Weg vom Denken in „Bäumen“ und Hierarchien, hin zu einer flexiblen, flachen Struktur – näher an die Realität des Surfverhaltens. Geteilter Content, z.B. über Twitter, ist ja immer ein Direktlink auf Einzelseiten. Jede Seite wird damit zur Startseite: „Every article should be a homepage“.

Dieses Ziel wird durch den Seitenaufbau mit Hilfe von Containern umgesetzt. Ich will versuchen, das zu erklären: Eine Website wird linear aus Seitenabschnitten zusammengesetzt, die von links nach rechts die gesamte Seitenbreite füllen. Diese Seitenabschnitte sind aber nicht einfach „Textabschnitt“, „Bild“, „Werbeblock“, „Video“, sondern können in sich komplexe Inhalte oder Funktionen enthalten. Wichtig dabei ist – so wie ich das verstanden habe, dass Inhalt und Funktionalität eines Containers zusammengehören. Der Hintergedanke wird sofort deutlich, wenn man an responsive Websites denkt. Bei einer Spaltenstruktur (die genau aus diesem Grund seltener wird) hat man ja das Problem, dass in der linearen Umsetzung beispielsweise erst der Inhalt (ein Artikel) und dann später, ganz weit unten, zusätzliche „Rand“-informationen kommen, die auf einem breiten Display nebeneinander stehen würden. Im Containermodell wird versucht, diese räumliche Nähe der Inhalte beizubehalten.

Wie so viele Sachen hört sich das erstmal nicht sehr spektakulär an, in der Konsequenz der Umsetzung macht es dann aber doch einen Unterschied. Ich stelle mir vor, dass dieser Grundgedanke die Redakteure vom festen Gerüst des Template-Denkens befreit und dazu zwingt, sich jeweils passende Zusammenstellungen von Inhalten und Teaser und anderen Elementen zu überlegen.

Das führt mich dann auch zum nächsten interessanten Punkt an diesem Projekt: Spezielle Aufgaben bedürfen spezieller Werkzeuge. Für die Guardian-Website wurde eigens ein CMS entwickelt, welches dann sicherlich diesen Workflow und das Layoutmodell nahtlos unterstützt. Zum Back-End habe ich bis auf einen Mini-Screenshot in [3] keine Bilder gefunden. Im Entwickler-Blog [1] findet man dagegen Infos zum verwendeten Editor scribe, der ebenfalls für dieses Projekt entwickelt wurde.

Die neue Website wurde von einem hausinternen Team entwickelt, welches sich für Workshops externe Kollegen dazuholte. „As part of our product discovery process the team ran several ideation workshops with colleagues in editorial and commercial, as well as involving Information Architects, a design agency with experience in digital news. It was during these workshops with Oliver Reichenstein and Konstantin Weiss of iA where the concept of containers and the container model really came to life.“ [2]

Montage von vier zufällig gewählten Artikelseiten des Guardian
Montage von vier zufällig gewählten Artikelseiten des Guardian

Ich bin gespannt, wie sich die Website im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Wenn ich mal vier zufällig aus verschiedenen Ressorts herausgepickte Artikelseiten vergleiche, dann sehe ich schon, dass es natürlich ein Repertoire an mehr oder weniger festen Blöcken gibt, die immer wieder – auch in ähnlicher Anordnung – benutzt werden. Ich nehme an, die Leser sollen auch nicht durch zu viel Vielfalt verunsichert werden.

Quellen und weiteres Material:

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